RES PUBLICA.
Umgang und Austausch mit Fremden gilt allenfalls als langweilig und unergiebig, wenn nicht gar als unheimlich. Der Fremde wird zu einer bedrohlichen Gestalt, und nur wenige Menschen finden Gefallen an jener Welt von Fremden, die ihnen in der kosmopolitischen Stadt entgegentritt.


Die öffentliche Sphäre. Oft hat man die heutige Zeit mit den Jahren des Niedergangs von Rom verglichen: (...) Auch heute ist das öffentliche Leben zu einer Plicht und Formsache geworden. Ihren Umgang mit dem Staat betreiben die meisten Bürger im Geiste ergebener Zurückhaltung, aber die Entkräftung der öffentlichen Sphäre geht weit über das eigentlich Politische hinaus. Umgang und Austausch mit Fremden gilt allenfalls als langweilig und unergiebig, wenn nicht gar als unheimlich. Der Fremde wird zu einer bedrohlichen Gestalt, und nur wenige Menschen finden Gefallen an jener Welt von Fremden, die ihnen in der kosmopolitischen Stadt entgegentritt. Eine res publica umfasst allgemein die Beziehungen und das Geflecht wechselseitiger Verpflichtungen zwischen Leuten, die nicht durch Familienbande oder andere persönliche Beziehungen miteinander verknüpft sind; sie bezeichnet das, was eine Masse, ein "Volk", ein Gemeinwesen verbindet, im Unterschied zu den Familien und Freundschaftsbanden. Wie in den Tagen Roms ist die Teilnahme an der res publica auch heute eine Sache des beiläufigen Auftritts; die Foren dieses öffentlichen Lebens, etwa die Stadt, sind in Verfall begriffen. Der Unterschied zwischen der römischen Vergangenheit und der Gegenwart betrifft das Gegenstück zur Öffentlichkeit: das, was Privatheit bedeutet. Der Römer war bestrebt, im Privaten und gegen die Öffentlichkeit ein anderes Prinzip zu errichten, das auf der religiösen Transzendierung der Welt fusste. Wir dagegen suchen in der Privatsphäre nicht nach einem anderen Prinzip, sondern nach einem Spiegelbild, nach dem, was an unserer Psyche, an unseren Gefühlen authentisch ist. Wir versuchen Privatheit, das Alleinsein mit uns selbst, mit der Familie, mit Freunden, zum Selbstzweck zu machen.

Richard Sennet. Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Tyrannei der Intimität. S.15ff